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Amina Handke [Videonale.15] x

Hysteria 2.0.0 v01, 2014, 2:34 min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Demonstrationen, Polizei – »Ist die Schwangere jetzt nicht schwanger gewesen oder schon oder nicht? Und falls sie es nicht war, wie kann man so bescheuert sein?« – Fasching – Baby fällt vom Wickeltisch – »Wann haben diese Männer dort endlich keine Angst mehr vor Frauen? Wann?« – »We oppose Conchita Wurst and all bearded men in dresses, say bearded men in dresses.« – Ein Katzenvideo. Gefällt mir. Kommentieren. Das Video HYSTERIA 2.0.0 V01 der in Wien lebenden Künstlerin Amina Handke erinnert an den täglichen Blick auf eine Timeline der Social Network-Plattform Facebook. Die für das Video ausgewählten Beiträge sind echte Facebook-Meldungen. Die dort geposteten Videos zu ernsten und realen Nachrichten, können jedoch durch die Hysterie und starken, dargestellten Emotionen schnell sehr überzogen erscheinen. Die auf Sensationen ausgerichteten Videos stehen nur selten in einem klaren Zusammenhang zu den nachgesprochenen Facebook-Meldungen. Das verwendete Material hat jedoch die Gemeinsamkeit, dass es das Geschehen in Wien aufgreift. Amina Handke kommentiert mit den auf Facebook veröffentlichten Stimmen von Bürgern Themen, die in der Presse als tagesaktuelles Geschehen präsent waren. Um die gewollte Ernsthaftigkeit zu kontrastieren, unterbricht Handke die politischen Themen durch Videos von Katzen und Babys, die zudem auch den geringen informativen Gehalt aller gewählten Meldungen unterstreichen. Ihre persönliche Meinung bleibt durch diese Oberfläche von Facebook-Meinungen weitestgehend verdeckt und lässt verschiedene Deutungen zu. Gefällt mir. Kommentieren. Offline.

Lisa Warring

 

Thomas Kneubühler [Videonale.15] x

Days in Night, 2013, 3:48 min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Mit einer Kameraeinstellung auf die völlige Dunkelheit fängt der Film DAYS IN NIGHT an, nichts ist zu erkennen. Während die Augen sich an das fehlende Licht gewöhnen, bilden sich nach und nach Konturen und Schatten in der Finsternis und eine einsame Landschaft wird erkennbar. Die Stimme aus dem Off erzählt vom Alltag auf der Militär- und Forschungsbasis CFS Alert am Nordpol, wo ab Oktober bis in den frühen März die Tage ohne Sonnenlicht sind und dadurch ein Alltag in nächtlicher Dunkelheit gelebt wird. Durch die Intensivierung der Konturen und der statischen Einstellung strahlt der Film eine ruhige Langsamkeit in der alles umfassenden Nacht aus; die verschiedenen Sinne werden aktiviert und herausgefordert. Das Bewusstsein für den eigenen Körper und die Umgebung werden geschärft und führen zur inneren Ruhe des Zuschauers. Durch den Film kommen Kindheitserinnerungen hoch, an Momente in der Nacht, in denen man die Sterne gesucht hatte und mit dem Verstreichen der Zeit immer mehr entdeckte. Auch konnte man andere Konturen und Strukturen erkennen und freute sich, Vertrautes im Unvertrauten wiederzufinden. Doch kann der Zuschauer sich auf einen Sinn, seine Augen, verlassen? Die Plansequenz der nördlichsten Siedlung am Nordpol und die Ruhe aus den reduzierten visuellen Eindrücken des lichtarmen Himmels erzeugen eine positive und entspannte Haltung – im Kontrast dazu stehen jedoch die unwirtlichen und harten Lebensbedingungen, über die aus dem Off berichtet wird.

Siri Effelsberg

 

Marianna Milhorat [Videonale.15] x

Une Terre familière, 2013, 18:10 min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Ein kleiner Wasserfall, mitten im undurchdringlichen Grün.
Die Szenerie könnte im Amazonas-Dschungel sein, wenn das Ufer nicht seltsam gerade, hergerichtet wirkte. Wenn das Wasser nicht so unnatürlich glatt wäre. Da kommt eine Gruppe gut gekleideter Spaziergänger ins Bild, jenseits des Teichs. Worüber reden sie? Über die Natur, die sie umgibt? Oder über Friseurtermine?

Ein frisch gepflügtes Feld im dichten Nebel.
Die Sicht verhangen wie von einem Schleier. Herbstmorgen. Winzige Wassertröpfchen schweben in der Luft. Es riecht nach frischer, dunkler Erde. Tiefe Einsamkeit. Doch dann durchquert eine Frau mit Kinderwagen das Bild. Ist das überhaupt ein Feld? Auf den zweiten Blick wirkt der Boden zu glatt, wie von einer Walze planiert. Wird diese Erde bald von Schotter und Asphalt bedeckt sein?
Eine enge Kammer.

Die Kamera von oben. Neonlicht. Schränke mit naturkundlichen Exemplaren, in jeder Schublade drei-, vier-, fünfmal dasselbe. Kein Fenster. Kein Ausweg. Ein Mann beugt sich über eine der Schubladen. Nichts rührt sich. Keine Bewegung. Kein Leben.

Ein Museum.
Ein dürres Bäumchen in der Glasvitrine. Eine blaue, globusartige Kugel dreht sich lautlos, um sich selbst. Wie weit weg ist die Welt! Wie weit entfernt sind wir von allem. Und doch viel zu nah. Unsere Fingerabdrücke auf jeder Oberfläche. Unser Geruch in jedem Winkel. Alles katalogisiert und wohlgeordnet, eingehegt, bekannt. Und doch bleibt diese Erde so ungreifbar. Gänzlich fremd, verschlossen, stumm.

Kollektiv

 

Florian Pugnaire & David Raffini [Videonale.15] x

Energie sombre, 2012, 15:00 min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Zerstörung. Geschwindigkeit. Ein Wrack. Ein Bus. Autodesktruktion.

Im Tiefflug rast die Kamera über Landstraßen und Autobahnen. Eine Flucht über Feldwege. In der Besessenheit gibt es kein Ziel. Rage und Ruhe sind nicht miteinander vereinbar. Beseelt von einer dunklen Energie, dichten Rauchschwaden, erwacht ein zerstörter Bus zum Leben. Kämpft sich durch eine Natur, die hindert und verlangsamt. Rost und Matsch als Feinde der Geschwindigkeit. Er bleibt stecken, der Matsch trocknet. Beim Kämpfen durch Dornenbüsche kratzen die Zweige Muster in die bröckelnde starre Erdschicht, die den Bus umhüllt. Eine Tour de Force, ein nicht enden wollendes Leid. Und trotzdem: Schönheit. Erlösung im Rausch der Geschwindigkeit. Infernalisches Brummen untermalt die Hetzjagt. Eine Hetzjagt durch die Landschaft, aber auch durch Kinokonventionen. Immer wieder rast das scheinbar führerlose Auto über sandige Wege. In scharfen Kurven wirbelt es Staub auf. Doch andere Einstellungen lassen die staubige Welt der Roadmovies hinter sich und konfrontieren den Betrachter mit unheimlichen futuristischen Akteuren. Verchromte gebogene Stahlplatten wippen geheimnisvoll im Wind. Dunkle dramatische Wolkenformationen verhüllen den Himmel. Ein Kran trägt nicht nur zur Zerstörung des Autos bei, sondern ragt gleichzeitig monolithisch aus dem Nebel hervor. Sind hier etwa extraterrestrische Kräfte am Werk?

Ein weiterer Schnitt, ein weiterer Sprung. Brachiale Gewalt, das Auto entblößt sein Innerstes, Wunden, zuckende und blutende Körperteile. Maschinenteile. Zeitliche und räumliche Grenzen existieren nicht mehr. Das Autowrack: hier sowohl ein Ausgangspunkt aber auch das Ende eines transformatorischen Zyklus.

Markus Pinell

 

Cristina Picchi [Videonale.15] x

Zima, 2013, 11:27 (1:11) Min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Die Erzählungen zweier, dem Betrachter unbekannt bleibender Menschen, die in das winterliche Russland ziehen, ein Nigerianer und ein Russe, rahmen die Narration der Videoarbeit ZIMA der italienischen Künstlerin Christina Picchi. Anrührende Ansichten einer schneebedeckten Dorfkirche und von Kühen, die auf dem Schnee weiden, werden mit Bildern von auf dem Eis gestrandeten Schiffen und der Eiswüste rund um den Baikalsee kontrastiert. Das Tempo der Erzählung changiert zwischen der Dokumentation einer lebhaften Dorfgemeinschaft, die sich zum Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar einer Tauferneuerung im heißen Wasser unterzieht, der alltäglichen Prüfung der Messwerte einer Wetterstation oder dem Betrieb eines Militärhafens und der scheinbar ewigen, unbelebten Weite der eisigen Landschaft Russlands, deren beständige Dunkelheit in der Polarnacht nur von vereinzelten Autoscheinwerfern durchbrochen wird. Das Porträt einer Jahreszeit, des russischen Winters, führt dem Betrachter das Leben in einem der harschesten Klimata der Erde an entlegenen Orten Nordrusslands und Sibiriens vor, in dem selbst Maschinen aufgeben. Das Video bedient sich zwar gängiger Dokumentarismen aus Film und Fernsehen, wie ergreifender Landschaftsansichten, löst diese aber durch die gewollt ungenaue Verortung der Szenen und durch den Wechsel der Erzähltempi nicht ein. Im Vordergrund steht immer wieder das Überleben in der ungastlichen Winterlandschaft Russlands, die die Bewohner andere Prioritäten setzen lässt.

Pia Bornus

 

Mateusz Sadowski [Videonale.15] x

Volume, 2013, 4:40 min., Ton, s/w [Videonale.15]

Die Einkanal-Videoarbeit VOLUME des polnischen Künstlers Mateusz Sadowski veranschaulicht die Verbindung zwischen zwei Räumen, dem realen und einem dreidimensionalen, computeranimierten Raum. Zu Beginn taucht der Betrachter visuell in eine schwarzweiße Alltagsszene ein, die erfüllt ist von Resignation und Melancholie. Durch das Einschalten des Wasserkochers wird die Fantasie des Protagonisten in Gang gesetzt und animierte Wellen materialisieren sich auf den Wänden in definierten Rechteckflächen. Sobald der Protagonist zu trinken beginnt, breitet sich die Animation großflächig aus und erweckt den Anschein, als könne sie alles verschlingen – Natur und Technik werden von ihr überdeckt und aufgesogen. Das lebensnotwendige Wasser wird, auf der animierten Ebene somit zu einer Bedrohung für seinen Schöpfer. Die gesamte, permanent von Rauschen und digitalen Bildstörungen durchsetzte Komposition wird unterlegt durch eine von Sadowski selbst komponierte, bedrohlich klingende und verzerrte Vertonung, welche die Höhen und Tiefen der Wellen auch auditiv nachvollzieht. Während der vollständig animierten Szenen sieht man in Slow Motion, wie die Gegenstände von dem Wasser umhüllt werden und Bildstörungen auftreten. Der Akt des Einfangens des Kreises mit der durch die Hand umgestülpten Teetasse deutet hierbei auf ein Paradox hin: Der Mensch ist zwar der Erschaffer und Beherrscher der Technik, jedoch auch abhängig von ihr. Nur mit größter, ins Performative übersteigerter Willensanstrengung kann sich der Protagonist aus diesem Spannungsfeld lösen, den symbolischen Kreis für diesen Diskurs bändigen und aus seinem gewohnten Habitat buchstäblich hinaus in ein neues (ein besseres?) Leben eintreten.

Soma Elena Kozan

 

Gerhard Treml & Leo Calice [Videonale.15] x

Eden's Edge, 2014, 27:07 min., Ton, Farbe [Videonale.15]

Ohne Horizont und Perspektive bewegen sich die Figuren in EDEN’S EDGE durch statische Aufnahmen der kalifornischen Wüste. Bemerkenswerte, eigenwillige Lebensentwürfe präsentieren sich auf der Basis ebenso unkonventioneller Landschaften. Unkonventionell, gegenkonventionell − ›counterculture‹. Die Figuren sind Protagonisten dieser Gegenkulturen der 1960er Jahre. Sie repräsentieren Aktivismus, Pazifismus, spirituelle Selbstfindung und Naturverbundenheit. Heute gescheiterte Existenzen und überholte Modelle? Vielleicht. Allerdings nur gemessen an einem Idealbild, dessen Standards für die ›echte‹ Avantgarde ohnehin nie Gültigkeit besaß. Alle sind verbunden durch den Ort der Wüste, ›terra incognita‹ und Leerstelle für Träume und den Wunsch nach einem ›anderen‹ Leben. Und so sind die Lebenswege und -geschichten keine geradlinigen Narrative. Sie sind vielmehr durch Kurven und Umwege bestimmt, aber auch durch Freiheit. Die Wüste ist paradox, sie ist Freiheit und Einschränkung, lebensfeindlich und Möglichkeit zur Selbstverwirklichung − widersprüchlich wie EDEN’S EDGE selbst. Das Künstlerduo Treml & Calice zeigt alles und nichts: die strengen Aufsichten bleiben in weiter Ferne, so nah die Stimmen auch scheinen mögen, es sind persönlichste Geschichten in stilisierten Landschaften, ohne Horizont und Perspektive. 

Jan Harms

Videonale.15 (27. Februar – 19. April 2015 im Kunstmuseum Bonn)

1216 Einreichungen (aus 76 Ländern)

38 ausgewählte Werke

Erstmals stand die Wettbewerbsausschreibung zur VIDEONALE.15 unter einem Thema. „The Call of the Wild“ als thematischer Rahmen der VIDEONALE.15 greift den Topos des Wilden auf, wie er von Kunst und Gesellschaft spätestens seit dem kolonialen 19. Jahrhundert genutzt wird, um das Ungezähmte, das Nicht-Zivilisierte, Primitive oder auch Anarchische in negativer Abgrenzung zum offiziell legitimierten Normen- und Wertekanon zu beschreiben. Dabei birgt der Begriff des Wilden oder auch der Wildnis ein viel größeres Potential, wenn man ihn jenseits althergebrachter Kategorisierungen zwischen schwarz und weiß benutzt. Nämlich als genau den explosiven Ort des Dazwischen, an dem sich die Kategorien in Auflösung befinden, während neue Kategorisierungen noch nicht gefunden sind, vielleicht auch gar nicht gefunden werden sollen.

Diese queere Annäherung an den Begriff der Wildnis, in dem sich das ...  [ weiterlesen ]

1216 Einreichungen (aus 76 Ländern)

38 ausgewählte Werke

Erstmals stand die Wettbewerbsausschreibung zur VIDEONALE.15 unter einem Thema. „The Call of the Wild“ als thematischer Rahmen der VIDEONALE.15 greift den Topos des Wilden auf, wie er von Kunst und Gesellschaft spätestens seit dem kolonialen 19. Jahrhundert genutzt wird, um das Ungezähmte, das Nicht-Zivilisierte, Primitive oder auch Anarchische in negativer Abgrenzung zum offiziell legitimierten Normen- und Wertekanon zu beschreiben. Dabei birgt der Begriff des Wilden oder auch der Wildnis ein viel größeres Potential, wenn man ihn jenseits althergebrachter Kategorisierungen zwischen schwarz und weiß benutzt. Nämlich als genau den explosiven Ort des Dazwischen, an dem sich die Kategorien in Auflösung befinden, während neue Kategorisierungen noch nicht gefunden sind, vielleicht auch gar nicht gefunden werden sollen.

Diese queere Annäherung an den Begriff der Wildnis, in dem sich das Anarchische wie das Utopische gleichermaßen wiederfinden, erscheint mir ein interessantes Modell, um ganz unterschiedliche Handlungsoptionen zu adressieren, die aktuell in Gesellschaft und Kunst ihre Wirkung entfalten, alte Ordnungen in Frage stellen und Gewissheiten über Bord werfen: Die Fragilität bestehender Ordnungen offenbart sich u.a. in einem Überwachungsskandal, der vor Augen führt wie weit die digitale Durchdringung unserer Lebensräume schon fortgeschritten ist und uns damit konfrontiert, wie eng die anscheinend unendliche Freiheit im Netz einerseits mit Kontrolle und Überwachung andererseits verknüpft ist. Sie zeigt sich in der offensichtlichen und dennoch unverständlichen Realität weltweiter religiöser und/oder territorialer Konflikte, die massive physische wie psychische Grenzverschiebungen nach sich ziehen und dabei auf der geopolitischen Agenda ebenso für Aufruhr sorgen wie in den Biografien der Einzelnen. Sie zeigt sich aber ebenso in den immer wieder neu geführten Debatten um Geschlechterpolitiken zwischen homo, hetero, trans, inter und queer, um Rollenzuweisungen und Modelle von Familie und Gemeinschaft, die uns regelmäßig die Labilität Systems verdeutlichen, in und mit dem wir uns täglich bewegen. Die Wildnis ist das Ungreifbare und das, mit dem verfügbaren Vokabular, Unbeschreibbare, das sich uns immer wieder aufs Neue entzieht und uns zum Neu-Verhandeln von Ordnung(en) herausfordert: „Wildness is not the lack of inscription, it is inscription that seeks not to read or be read but to leave a mark as evidence of absence, loss and death“ (Jack Halberstam).

Kuratorin: Tasja Langenbach

Der Videonale Preis wurde vergeben an Shelly Nadashi („A Hidden Quiet Pocket“).

Mehr Information unter: v15.videonale.org