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Helen Benigson [Videonale.14] x

The Future Queen of the Screen, 2011, 9:18 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Video-Ausschnitt


Das bisher umfangreichste Video der Engländerin Helen Benigson, „The Future Queen of the Screen“, kombiniert konträre Bildwelten: Londons südlicher Stadtbezirk Peckham sowie das Strandpanorama des Toten Meeres alternieren mit einer virtuellen Wüstenlandschaft. Zwei Hip-Hop Tänzerinnen fungieren als Hauptakteurinnen, die sich sowohl in realen als auch in fiktiven Tanzwettbewerben in Form von Avataren duellieren und ihre Choreographien bei einer Internetplattform einstellen. Unterbrochen wird diese narrative Montage von Sequenzen, die eine im Meer treibende junge Frau zeigen, welche die Künstlerin selbst figuriert. Benigsons Videokunst zeichnet sich durch eine komplexe visuelle Bildsprache aus. Übersättigte Farben und partiell psychedelische Elemente fügen sich zu collageartigen Passagen, in denen sich Naturimpressionen mit aggressiven Hip-Hop-Gesten mischen. Besonders evident wird hierbei der Antagonismus von „wet and dry“, den die Textzeilen und Bildabfolge akzentuieren. Zudem werden feminine Attribute wie Abstufungen von pinkfarbenen Einfärbungen der Aufnahmen, Überblendungen mit überdimensionierten Sushi-Happen, Rosenblüten sowie der weibliche Körper offensiv eingesetzt. Die polemische Interaktion von Bildmaterial, Off-Kommentar und musikalischer Untermalung mittels Sprechgesang von Benigsons Alter Ego „Princess Belsize Dollar“ evoziert fortwährend sexuelle Konnotationen und rekurriert provokativ auf den Umgang mit weiblicher Sexualität im Zeitalter des Internet.

Ann-Kathrin Täuber

 

Clemens Krauss & Benjamin Heisenberg [Videonale.14] x

ER, 2012, 5:15 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Mit einer amateurhaft geführten Handkamera reihen sich gefilmte Sequenzen aneinander. Sie dokumentieren den Lebensweg einer fiktiven, nur mit „Er“ umschriebenen Figur. Dabei handelt es sich um einen als psychopathisch beschriebenen Jungen, der in einem dörflichen Umfeld in der Nähe der deutsch-österreichischen Grenze aufwächst und seine Eltern mit Wutausbrüchen und dem Vortäuschen epileptischer Anfälle erpresst.
Eine computergenerierte Stimme erzählt die Geschichte dieses Jungen, wobei das Found-Footage-Material an einigen Stellen nicht zum gesprochenen Text passen will. Während die Stimme die Erzählung kontinuierlich fortführt, werden die einzelnen Filmsequenzen immer wieder durch Farbflächen und eingestreutes Bildmaterial unterbrochen. Beim Betrachter stellt sich ein Gefühl der Verunsicherung in Bezug auf die vorgestellte Figur ein, das durch die völlige Emotionslosigkeit der digital erzeugten Erzählerstimme noch einmal verstärkt wird.
Das Filmmaterial stammt aus dem privaten Fundus des österreichischen Künstlers Clemens Krauss und des deutschen Filmregisseurs Benjamin Heisenberg. Seit ihrer Jugend erstellten beide ungeheure Mengen an Videomaterial, das sie im Jahr 2011 zur Filmcollage „ER“ zusammenschnitten.

Jennifer Eggert

 

Daniel Laufer [Videonale.14] x

Fifth Wall, 2011, 8:13 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Den Kern von „Fifth Wall“ bildet eine chassidische Parabel. Der Text erzählt von zwei Männern, die mit dem Auftrag betraut werden, je die Hälfte eines Hauses zu gestalten. Während einer seine Aufgabe gewissenhaft erfüllt, geht der zweite faul und zögerlich vor. In letzter Minute gelingt es ihm jedoch, seine Haushälfte mit Pech zu bestreichen, sodass sich in der glänzenden Fläche das Werk des anderen spiegelt. Das Fortlaufen des Textes wird von filmischen Sequenzen unterbrochen. Laufer entführt den Betrachter in eine mediterrane Villa. Im Wechsel mit werbereifen Aufnahmen von Landschaft und Interieurs folgt die Kamera der Bewegung der Akteure in Haus und Umgebung. Das Ziel ihrer Handlungen und der Inhalt ihrer Gespräche, bleiben jedoch im Unklaren. Deutlich tritt das Motiv der Spiegelung an vielen Stellen des Videos auf. Mit dem Titel seiner Arbeit spielt Laufer auf einen verwandten Begriff aus der Film- und Theaterwissenschaft an. Die „Fourth Wall“ bezeichnet dort die imaginäre Wand zwischen Bühnen- bzw. Projektions- und Betrachterraum. Dieser Wand rückt Laufer gefährlich nahe, indem er verschiedene Rezeptions- und Handlungsebenen verschränkt und dabei den Status von Betrachter und Bild reflektiert. So wie im Gleichnis die spiegelnde Wandfläche es vermag, die Arbeit des anderen in die neu sich eröffnende Dimension einer fünften Wand zu projizieren und somit neu zu betrachten, so lotet auch Laufer in seinem Arbeit die Möglichkeiten des künstlerischen Mediums aus.

Stefanie Krämer

 

Chang-Jin Lee [Videonale.14] x

Comfort Women Wanted, 2011, 46:48 (10) min., Ton, Schwarz/Weiß [Videonale.14]

In ihrem Film „Comfort women wanted“ erzählt Chang-Jin Lee die verstörende Geschichte von mehr als 200.000 jungen Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs als Sexsklavinnen von der japanischen Armee missbraucht wurden. Das Video besteht aus sechs Episoden; in Interviews werden die Tatbestände der Kriegsverbrechen sehr persönlich aufgearbeitet. Am Anfang steht ein ehemaliger Soldat der japanischen Armee, einer der Täter, der in seinem Interview eine Einführung in die Thematik gibt. Zudem wählte die Künstlerin für ihren Film fünf Frauen als Zeitzeugen aus. Sie leben in den Niederlanden, China, Korea, Indonesien und Taiwan, und waren gezwungen, in Bordellen, unter der euphemistischen Bezeichnung „comfort stations“, zu arbeiten. Wir hören im Film lediglich die Stimmen der Sprechenden, auf dem Bildschirm werden Schwarz-Weiß-Fotografien mit schnell wechselnden englischen Untertiteln eingespielt. Sie zeigen uns die verschwommenen Gesichter der sechs Protagonisten. Die Frauen stehen repräsentativ für das Schicksal von Tausenden. Sie haben ihre Geschichte auf unterschiedliche Weisen verarbeitet und nun den Mut gefunden, selbst intime Details ihres Schicksals mitzuteilen. Sie kämpfen für Gerechtigkeit, denn bis heute werden die Missstände der Zwangsprostitution in Japan während des Krieges verschwiegen.

Anastasia Antropova

 

Mauricio Limón [Videonale.14] x

El primero que ría, 2012, 12:17 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Zwei mexikanische Protagonisten, gekleidet in schwarzem Anzug und weißem Hemd, stehen im Zentrum der Videoarbeit. Zu sehen ist eine Wüstenlandschaft aus Gestrüpp und Felsgebirge; langsam und stetig rotiert die Kamera um die Figuren. Die Männer spielen eine Variante des französischen Kinderspiels „Le jeu de la barbichette“: Die Spieler halten einander am Kinn und sprechen den Vers: “Ich habe Dich, / du hast mich / am Kinn. / Der erste von uns / der lacht, / bekommt einen Klaps.“ Während in der Originalversion des Spiels der Verlierer einen Klaps auf die Wange erhält, legt er hier ein Kleidungsstück ab. Der Gewinner hält ihn am Kopf, beugt ihn hinunter und mimt eine Fellatio. Nichts an dieser Darbietung ist spielerisch. Beide Männer wirken teilnahmslos und resignativ, wie gefangen in einer absurden Endlosschleife. Der Vorgang des Entkleidens stellt sie hilflos vor der kargen Landschaft zur Schau und enthüllt dem Zuschauer sukzessive die bislang verborgenen Markierungen auf ihren Körpern: Tattoos und Narben zeichnen sich auffällig auf ihrer Haut ab. All diese Elemente verbinden sich zu einer Kritik der gegenwärtigen Zustände in der mexikanischen Gesellschaft. Das Ende zeigt die Männer von Angesicht zu Angesicht, gänzlich nackt und in ihrer anfänglichen Position: sie halten einander am Kinn fest.

Federico Alvarez Igarzábal

 

Melanie Manchot [Videonale.14] x

Leap after The Great Ecstasy, 2011, 20:03 (5:50) Min, Farbe, Ton [Videonale.14]

Kaum eine Sportart scheint der perfekten Illusion für einen kurzen Moment so nahezukommen wie der Skiflug. Alljährlich wiederkehrende Fernsehbilder präsentieren scheinbar schwerelos in der Luft gleitende Sportler, jubelnde Zuschauer und euphorisierte Reporter. Auch die britische Künstlerin Melanie Manchot widmet sich den Bildern jener Sportevents. Inspiriert von Werner Herzogs Dokumentation „Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ (1974) rückt sie indessen das Spektakel in ein anderes Licht. Eine nächtliche Alpenlandschaft inmitten der Schweizer Berge, die verschneite, unberührte Schanze, monoton arbeitende Schneemaschinen im gleisenden Scheinwerferlicht verleihen dem Austragungsort den Anschein einer pittoresken Szenerie, in der die Ekstase des Wettkampfes noch nicht spürbar ist. In den parallel gezeigten Sequenzen der Zwei-Kanal-Videoarbeit dekonstruiert Manchot das für die Fernsehberichterstattung charakteristische Bild der zumeist übermenschlich wirkenden Skispringer. Die Kamera beobachtet die jungen Männer am Tag des Wettspringens, die sich im Warteraum auf den entscheidenden Sprung vorbereiten. Großaufnahmen ihrer Gesichter offenbaren neben der Konzentration und Fokussierung auf den Sieg die Anspannung und Nervosität vor dem Moment des Sprungs. Im Unterschied zu den Fernsehbildern verweigert Manchot jedoch die Auflösung – den befreienden Moment der gelungenen Landung –, indem sie die typischen Flugbilder der Imagination des Zuschauers überlässt. Nur eine akustische Referenz – das zischende Gleiten über die Schanze – vermittelt einen Eindruck des entscheidenden Moments, des Absprungs, in dem sich alle Spannung löst.

 

Agnieszka Smyrek

 

Dani Marti [Videonale.14] x

Bacon's Dog, 2010, 11:30 min, Farbe, Ton [Videonale.14]

Ein nackter Mann liegt auf einem ungemachten Bett. Arme und Beine von sich gestreckt, verharrt sein Körper in einer ruhenden Position. Das Bild verschwindet in Dunkelheit und wird durch eine Nahaufnahme auf den Rumpf sowie den rechten Arm des Mannes abgelöst. Die anschließenden Sequenzen zeigen im Detail oder aus der Totalen Aufnahmen zweier nackter Männerkörper, die sich ihrem sexuellen Begehren hingeben oder erschöpft beieinander liegen. Alternierend wechseln die Szenen zwischen den Screens der Zweikanalarbeit oder werden parallel sichtbar. In den Innenraum eindringender Autolärm, eine tickende Uhr, Geräusche und Gedanken der Protagonisten fließen in die Szenerie ein. Das Video des spanischen Künstlers Dani Marti, ist die intime Momentaufnahme der ersten sexuellen Erfahrung Peter Fays, ein 65-jähriger Schriftsteller, Kurator und Kunstsammler aus Sydney. In seiner Darstellung legte Marti, der selbst in der Rolle des anderen Mannes auftritt, den Akzent auf die Performanz der Hände, die als Instrumente der körperlichen Fremderfahrung als auch der sexuellen Triebbefriedigung dienen. Sie fühlen, tasten und begreifen den Anderen und verhelfen zu einer neuen Selbsterfahrung. Bevor es zu körperlichen Intimitäten zwischen den beiden Männern kam, erfolgte die seelische Entblößung Peters. In E-Mails, welche Marti in dem Video „My Sad Captain“ (2010) verarbeitete, berichtete Peter rückhaltlos u.a. über seine Kindheit, Sehnsüchte und Wünsche. Beide Werke wurden simultan 2010 in Sydney uraufgeführt.

Sonja Schacht

 

Frances Scholz [Videonale.14] x

Episodes of Starlite I-V, 2011-12, 50 min., Ton, Farbe [Episode the Fifth "Manse of Manor Tril"] [Videonale.14]

Projektionen auf einem nackten Frauenkörper und unbefleckte Landschaften dienen als Folie für den Kampf der Geschlechter. Der Film „Episodes of Starlite I-V“ (2011-2012) der Künstlerin und Filmemacherin Frances Scholz beruht auf einer Fantasy-Geschichte des amerikanischen Science-Fiction Autors Mark von Schlegell. In fünf Episoden setzt der Film die Vorstellung einer weiblichen Monarchie um, die von männlichen Kontrahenten bedroht wird. Schauplatz der Geschichte ist ein fiktiver Kontinent, der die Form des Körpers einer weiblichen Göttin besitzt. Der nackte Frauenkörper tritt wiederholt als Inspiration aus den verschiedenen Zonen der übereinander gelagerten Projektionen hervor. Die Episoden inszenieren die Grenzen der Schöpfung eines Mythos, indem verschiedene Elemente wie musikalische Performance, Schauspiel und Licht zusammengeführt und dokumentiert werden. Die Geschichte zeigt in unregelmäßigen Sequenzen Ausschnitte des Making-of eines mythisch imaginierten Films, während Versatzstücke der ursprünglichen Geschichte aus dem Off erklingen. Die Archetypen des Fantasy-Genres werden modifiziert, indem sie aus dem Blickwinkel der Kunst und des weiblichen Geschlechts beleuchtet werden. Der abstrakte Film versucht eine eigene Ikonologie des Geschlechts abseits der kunsthistorisch tradierten Rollen zu entfalten. Er verfolgt die Absicht, diese umzukehren, sie „als eine Fantasie puren Lichts, reiner Filmkunst und Malerei“ (Frances Scholz) darzustellen, frei von Geschlechterkonstruktionen und Idealbildern.

Veronika Kornas und Sabine Schiffer

 

Evamaria Schaller [Videonale.14] x

Die Wilderin von Montafon, 2011, 21:20 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Der Blick schweift über ein Bergpanorama, von weitem richtet er sich auf Details einer Hütte, man hört Vogelgezwitscher. Stimmungsvoll und malerisch beginnt „Die Wilderin vom Montafon“ von Evamaria Schaller. Aufnahmen von Bergen, reißenden Flüssen und grünen Wäldern ziehen sich durch den Film. Die Natur ist das bestimmende Bildmotiv und das Video erinnert streckenweise an Szenen eines Heimatfilms. Diese Idylle wird durch surreale Szenen unterbrochen, in denen sich eine junge Frau mit Frischhaltefolie an einen Baum wickelt oder mit aufgesetztem Geweih wie ein gehetztes Reh durch den Wald läuft. Die Protagonistin lebt nicht nur in der Natur, sondern sie verschmilzt förmlich mit dieser. In diese surreale Erzählung werden dokumentarisch wirkende Szenen montiert, in denen immer wieder eine ältere Jägerin auftritt. Die dargestellten Jagdszenen der jüngeren und der älteren Frau verweben sich zu einer rätselhaften Handlung, deren inkongruente Bildsprache durch den Einsatz unterschiedlicher Filmformate zusätzlich verstärkt wird. Nahaufnahmen von Wasser, Fell, Wolle, Fleisch und Holz verleihen dem Film seine starke haptische Wirkung. Die Künstlerin, die zugleich die Darstellerin ist, befasst sich hier mit der historischen Figur der „Wilderin vom Montafon“, die in den 1980er Jahren in den österreichischen Bergen wilderte. Eine direkte Abbildung der Wilderin war jedoch nicht möglich, weshalb die Künstlerin die Geschehnisse auf ihre Weise interpretierte.

Stefanie Maria Weisshorn

 

Lina Selander [Videonale.14] x

Anteroom of the Real, 2012, 14 min., ohne Ton, Farbe [Videonale.14]

In „Anteroom of the Real“ erzählt Lina Selander anhand von Fotografien eine chronologisch rückwärts laufende Geschichte. Die Bilder liegen geordnet auf einem Stapel, mittig auf einem schwarzen Untergrund, der sie wie ein Passepartout rahmt. Nach wenigen Sekunden wird jeweils das oberste Bild von einer weiblichen Hand weggezogen und das nächste kommt zum Vorschein. Lina Selander nimmt den Betrachter an der „Hand“ und führt ihn durch eine Abfolge von Fotografien hin zum Ausgangspunkt der Erzählung. Nach und nach wird der Betrachter mit der Katastrophe des Chernobyl Atomkraftwerks und deren Auswirkungen konfrontiert. Zunächst sieht er Bilder der verlassenen und heruntergekommenen Stadt Prypjat: Lange Kamerafahrten durch die leeren Räume einer Schule oder einer Fabrik verweisen auf die Zerstörung der Lebensräume. Die Abfolge der Fotografien läuft mit Spannung auf das letzte Bild des Filmes hinaus, welches eine menschliche Hand am Schalter des Atomkraftwerks und somit den Moment visualisiert, der zu der folgenreichen Katastrophe am 26. April 1986 führte. Der Film besticht durch die Abwesenheit von Ton und die unbewegten Bilder. Der Fokus liegt so gänzlich auf den gezeigten Fotografien und den ihnen immanenten Geschichten.

Daniela Pöstinger

 

Martin Skauen [Videonale.14] x

Slideshow Johnny, 2012, 18 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

In seinem Video inszeniert Martin Skauen das Leben und kreative Wirken des fiktiven Künstlers Johnny. In sechs aufeinanderfolgenden Episoden tritt ein etwas ungepflegt wirkender junger Mann auf, der mittels unterschiedlicher Darstellungsweisen – einer Diashow, einem Bühnenauftritt, einer philosophischen Schreibepisode auf einer Toilette oder auch einer pseudo-wissenschaftlichen Versuchsanordnung – seine skurrilen Werke zur Aufführung bringt. Bilder und Worte werden in ungewöhnliche Zusammenhänge gesetzt und die Wahrnehmung und Reaktion des Publikums damit auf eindringliche Art und Weise verändert. Durch die an eine Sitcom erinnernde, eingespielte Lachkonserve wird der Betrachter Teil des fiktiven Publikums und auf diese Weise animiert, sich in das Geschehen zu involvieren. Mit dem weiteren Fortschreiten der Episoden wird der Betrachter Zeuge einer allmählichen Wandlung der Beziehung zwischen Publikum und Künstler. Mittels Montage von Fremdaufnahmen steigert sich die Ausgangssituation von einem Auftritt im kleinen Rahmen zum esoterischen Großspektakel mit schon fast euphorisch verehrenden Zuschauermassen. Der Inhalt und die Bezugspunkte des Videos greifen gängige Trends und Medienerscheinungen unserer Zeit auf und regen zur Reflexion über unseren heutigen Umgang mit den Medien an. Die Unbeständigkeit der menschlichen Jovialität und die Unberechenbarkeit einer Logik der Massen wird den mal hilflosen, mal größenwahnsinnigen Versuchen einer Künstlerpersönlichkeit gegenübergestellt, um den Massengeschmack zu befriedigen.

Jacqueline Knöll

 

Gabriele Stellbaum [Videonale.14] x

Honest Lies, 2011, 9:45 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Es ist Nacht. Im elektrischen Licht der Röhrenlampen fährt eine altmodisch gekleidete Frau in einem Oldtimer scheinbar ziellos durch ein verlassenes Parkhaus. Auf der Rückbank sitzt ein junges Mädchen, zu der die Fahrerin bisweilen besorgt zurückblickt. Die Kamera erfasst Parkhausschilder, die „Einbahnstraße“ oder „Durchfahrt verboten“ signalisieren. Obwohl die Hauptdarstellerin nicht spricht, hören wir ihre hypnotische Stimme: Sie lässt uns teilhaben an ihren Gedanken über Moral, Verantwortung und das Gefühl von Ohnmacht im Widerstand gegen ein unspezifisches totalitäres System. Dabei illustriert die Bildlichkeit das Gesagte, wenn lange Kamerafahrten immer wieder das endlose Parkhauslabyrinth abfilmen und dabei zugleich von einer „architecture of lies“ die Rede ist. Der Ablauf wird durch Zeitsprünge und Sequenzen außerhalb des Parkhauses im Wald oder auf einem Boot unterbrochen. Symbolische Bedeutung hat dabei ein immer wiederkehrender orangefarbener Ordner, der bei heimlichen Übergaben ausgetauscht wird, unterlegt von Musik aus einem Agentenfilm. Während das einsame Auto auf den Parkdecks vor und zurück fährt, erzählt die Stimme in der Möglichkeitsform über Geheimarbeit und Erpressung. Pfeilmarkierungen auf dem Boden zeigen zahlreiche Direktionsmöglichkeiten auf, doch die Situation erscheint ausweglos. Der Zuschauer wird gefangen genommen im inneren Konflikt der Frau und kreist mit ihr auf einer Parkhausspirale ohne Ausgang. Aber sind ihre Geschichten wahr oder sind sie vielleicht nur Metaphern für ihre Gedankenwelt?

Kim Mildebrath

 

Arthur Tuoto [Videonale.14] x

Mãos Mortas, 2012, 05:42 min., Ton, Schwarz/Weiß [Videonale.14]

Unmittelbar zu Beginn des Videos ertönen Stimmen. Zu sehen ist nichts. Die Stimmen aus dem Off unterhalten sich stockend über ihre Beziehung und die Intensität ihrer Liebe. Das Schwarz des filmischen Raumes wird von dem Dialog aus dem Film J’entends plus la guitarre (1991, Regie: Philippe Garrel) belebt. Das monochrome Schwarz der visuellen Ebene wird durch flackernde weiße Überbelichtungen, die an Lichteffekte früher Filmprojektionen erinnern, durchbrochen. Plötzlich ertönt Musik. Es entsteht der Eindruck, dass nun ein zweiter Teil des Films beginnt. Zwar bleibt die schwarze Einstellung bestimmend, doch scheinen während der hellen Einblendungen Standfotos von Hollywoodstars wie Marilyn Monroe auf, die eine vergangene Film-Ära beschwören. Verstörend und nostalgisch wirken diese Aufnahmen. Sowohl die Musik als auch die Montageästhetik suggerieren Bewegung in den Standfotos. Klavierklänge der immer wieder gleichen Melodie, die Assoziationen zur musikalischen Begleitung von Stummfilmen wecken, verstärken den kinematischen Effekt und verleihen dem rhythmischen Sichtbarwerden der Aufnahmen ein Eigenleben. Tatsächlich aber deutet das Knistern auf das Abspielgeräusch eines Schallplattenspielers, das ebenso wie das optische Flackern der schwarzen und weißen Bilder einen Störeffekt erzeugt. So plötzlich wie der Einstieg in den Film erfolgt, ist auch sein Ende. Die letzte Fotografie fängt den Kuss zweier Liebender ein. Die Musik verstummt. Es ist wieder dunkel.


Christian Mertmann

 

Bridget Walker [Videonale.14] x

Le Spectre Silencieux du Mouvement, 2012, 6:27 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Können Animation und Realität nicht nur als Idee im Film, sondern auch im realen Alltag miteinander verschmelzen? „The Silent Spectre of Motion“ spielt mit ebenjenem Gedanken, indem die Künstlerin, als Gespenst verkleidet, ein Vexierspiel mit den verschiedenen Medien treibt. Dabei werden die Bildgattungen Zeichnung, Comic, Animation und Dokumentation förmlich durcheinander gespült. Die dreiteilige Videoarbeit beginnt mit der Diskussion und der Lösung eines Bilderrätsels zweier Wissenschaftler, begleitet von abstrakten, an aggressive Videospiele erinnernde Abfolgen geometrischer Muster. Im zweiten Teil des Videos erfolgt die Verwandlung der Künstlerin in ein Gespenst. Walker schneidet aus ihrem weißen Umhang ein Stoffstück heraus, welches sie zu einer Manuskriptrolle formt. Daraus entsteht eine Vielzahl von Manuskripten, die immer wieder neu ausgebreitet werden. So offenbaren sich u.a. Pläne kriegerischer Geräte, die durch Animationstechniken lebendig werden. Den Abschluss bildet ein dokumentarischer Teil, der das Experiment der real gewordenen Fiktion festhält. Personen aus dem näheren Umfeld berichten im Interviewstil über die Transformation der Künstlerin zum Gespenst und lassen so die verschiedenen Welten von Wirklichkeit und Fiktion ineinander gleiten. Die Fragen nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gesehenen bleiben offen.

Alexander Pütz

 

Gernot Wieland [Videonale.14] x

Things that leave me sleepless, 2012, 20:46 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Das Video handelt von der Geschichte der US-amerikanischen (Ess)kultur, Religiosität, einer besten Freundschaft und der Produktionsstätte von Helden. Nach Art gegenwärtiger Lecture Performances stellt Gernot Wieland mit seinem Video „Things that leave me sleepless“ teils fiktive und teils erlebte Ereignisse und Erfahrungen mit der amerikanischen und österreichischen Lebenswelt vor. Der Redner sitzt an einem Pult auf dem sich ein Mikrofon, ein Glas Wasser und ein Laptop befinden. Im Hintergrund zeigt er eine Powerpoint-Präsentation mit Bildern, die seine in Englisch gehaltene Rede illustrieren. In der Präsentation werden Personen, Skizzen Wielands und bunte Wolken einer Geburtstagseinladung gezeigt. Die zwei Hauptstränge seiner Erzählung bilden der Schüleraustausch in die USA und die Freundschaft zu seinem besten Freund Christian; diese werden verknüpft mit wissenschaftlichen Ansätzen der Psychoanalyse (Freud, Lacan), der Kunstgeschichte und -theorie (White Cube, Tatlin) und kulturhistorischen Topoi (Mythos Amerika). Diese Mischung von persönlich-biographischen Erlebnissen mit wissenschaftlich verbrämtem Allgemeinwissen erzeugt eine amüsante Gegenüberstellung von kulturellen Stereotypen und dem Sprachduktus einer Wissenschaftlichkeit, die hier das Thema modernen Heldentums in den USA als inhaltlichen Fokus setzt. Ob es sich um eine Persiflage des heute oftmals theorielastigen Künstlerdaseins handelt oder um eine poetisch-performative Kunstdarbietung, bleibt offen.

Sabine Halver

 

Anna Zett [Videonale.14] x

Dinosaur.gif, 2014, 20:59 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

»Gertie, be a good girl and bow to the audience.«

»Das Biest erblickte das Antlitz der Schönheit, seine Hand erstarrte und von diesem Tage an war es dem Tode geweiht.«

»Willkommen in Jurassic Park!«

In ihrem Videoessay reflektiert die Filmemacherin und Schriftstellerin Anna Zett die Institution Kino mit dem Genre des Dinosaurier- und King-Kong-Films. Von den Kinoanfängen mit Zeichentrick und Stop Motion bis hin zu den digitalen Durchbrüchen in der Ära der 1990er präsentiert die Künstlerin die verschiedenen Etappen der facettenreichen Filmwelt. Neben Steven Spielbergs JURASSIC PARK (1993) und den Sequels von Joe Johnston dürfen Klassiker wie GERTIE THE DINOSAUR (1914) und KING-KONG (1933) nicht fehlen – alle mit dem höchsten technischen Stand ihrer Zeit hergestellt. Die Technik ist auch der Hauptakteur in Zetts Videoarbeit. Nicht nur auf thematischer Ebene, sondern ebenfalls strukturell: Sie arbeitet mit einer Reihe von GIF-Bildern, die in einem Programm vertikal nacheinander hochgescrollt, mit Kommentaren versehen sind und eine medienästhetische Rahmung bilden. Die Darbietung der Dinosaurier ist widersprüchlich zu betrachten: Einerseits gelten sie in Zetts Arbeit als Relikt des Urzeitlichen, aber andererseits auch als Fanal der neuesten Technik, wie zum Beispiel in Spielbergs Science-Fiction-Horrorfilm.

Triumphiert die neue Technik also über die alte? Wird die Handlung durch neue, filmische Technologien zerstört? Diese Fragen stellt sich die Künstlerin mit DINOSAUR.GIF, das eine Hommage an die Filmwelt, aber auch eine Art nostalgische Kritik an die Modernisierung des Films präsentiert.

Xhesika Hoxha

 

Tobias Yves Zintel [Videonale.14] x

Earthly Powers, 2011, 38:00 min., Ton, Farbe [Videonale.14]

Von den Catskills in Upstate New York, dem einstigen Ferienparadies der 50er bis 70er Jahre, mit seinen Vaudeville- und Comedyshows sowie Broadway-Voraufführungen zeugen heute nur noch verlassene Hotels, Bungalowruinen und Unrat. In Zintels experimenteller Dokumentation bespielt die Münchener Band „Pollyester“ jene Schauplätze der Sommerfrische, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Zwischen musikalischen Sequenzen und Aufnahmen verlassener Orte erzählen die Bewohner der kleinen Künstlergemeinde von ihrem Leben in den Catskill Mountains. Die „Church of The Little Green Man“, eine entweihte Kirche mit Dancepole, in der Mike Osterhouts anti-dogmatische Performance-Messen mit seiner Community feiert, ist dabei Treffpunkt mehrerer Generationen: Raymon Elouza dokumentiert mit seinen Fotoserien den Strukturwandel und hinterfragt den amerikanischen Traum als anachronistisches Konstrukt. Al Defino, der während der Glory Days der Ressorts unter anderem Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. auf der Gitarre begleitete, erzählt von besseren Tagen. Portraitiert wird auch der zugezogene New Yorker Produzent Josh Druckman, welcher sich aus einem alten Farmhaus ein Musikstudio gebaut hat. Die einstige Tänzerin Beverly Spiri leiht dem dort produzierten Sound von „Pollyester“ ihre Stimme. Zintels nach Anthony Burgess’ Roman „Earthly Power“ benannte Arbeit durchmischt Dokumentarisches und Beiläufiges, rekurriert auf die Bildsprache von Musikclips und lotet die Potenziale künstlerischer Aneignung aus.

Larissa Berger

Videonale 14

2116 Einreichungen (aus 70 Ländern)

41 ausgewählte Werke

Kuratorin: Tasja Langenbach

Der Videonale Preis wurde vergeben an Christian Jankowski („Casting Jesus“).

Mehr Information unter: v14.videonale.org