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Shimon Attie [Videonale.13] x

Racing Clocks Run Slow, 2008, 18 (7:26 - 10:32) min., Stereo, Colour [Videonale.13] [extract 7:26 - 10:32 min.]

A row of static figures is displayed before of the viewer's eyes. The figures are clad in various types of motor sports’ garb. In a tableau vivant, they hold the characteristic poses of the race circuit: a racing driver jubilantly raising up his winner’s bottle of champagne, the race starter lifting up his checkered flag and the pit crew mechanics holding their tools. Shimon Attie films seventy individuals who once were involved with the legendary American Bridgehampton Race Circuit, which closed in 1994. These are not actors: they are actual participants and spectators from the circuit, wearing their authentic race clothing and gear. Attie also uses snippets of original audio recordings made at the circuit during the 1970s. Yet the authenticity of the outfits and the plausibility of the gestures produce an effect far removed from a typical documentary. The total immobility of the figures, frozen in the poses most typical of their roles, transforms them into a set of miniature toy figures, inhabitants of a Lego world. In a similar manner to the way that children create imaginary social environments, adults continue the process of construction of social identities. It is simply the scale of the adults' toys, rather than their essence, that differentiates them from children.

Olena Chervonik

 

Anna Baumgart [Videonale.13] x

Fresh Cherries, 2010, 18:00 min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Dokumentarische Filmausschnitte, authentische und rekonstruierte Interviews sowie fiktionale Inszenierungen bilden das Material von Anna Baumgarts Videoarbeit, in der sie die Tabuisierung von Opfern des Zweiten Weltkrieges thematisiert. Die Künstlerin hat festgestellt, dass vor allem Frauen und darunter besonders denjenigen, die von Soldaten beider Seiten zu sexuellen Diensten gezwungen oder missbraucht wurden, das Recht verweigert wurde, Teil der offiziellen Kriegsschreibung zu sein. Sie erbittet Unterstützung von Joanna Ostrowska, einer polnischen Studentin, die zur Geschichte der Prostitution in den deutschen Konzentrationslagern in Polen forscht. Basierend auf Ostrowskas Ergebnissen rekonstruiert Baumgart zwei Interviews. Zum einen mit Frau W., einer Deutschen, die im Bordell von Auschwitz genötigt wurde, sexuelle Dienste für Gefangene zu leisten, und zum anderen mit Barbara, einer Polin, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Baumgart konstruiert außerdem das Dramaspiel einer sexuell missbrauchten Frau, die eine systemische Therapie nach Bert Hellinger macht. Dessen Hauptmethode der Familienaufstellung beruht darauf, das Opfer darin zu bestärken, traumatische Ereignisse der Vergangenheit laut auszusprechen. Baumgarts Video erzeugt einen ähnlichen therapeutischen Effekt, indem die Künstlerin den zuvor verstummten weiblichen Stimmen ein Forum bietet und sie so Teil der Kriegserzählungen werden.

Olena Chervonik

 

Adela Jušić [Videonale.13] x

Artist's Statement, 2010, 7:27 min., Ton,Farbe [Videonale.13]

Wie in einem barocken Gemälde zeigt sich Adela Jusic im Halbprofil. Ihr Gesicht und ihre Rede wenden sich ans Publikum, vor allem an kreative Menschen. Die Anlehnung an eine traditionelle Bildsprache – die Ausleuchtung, der dunkle Hintergrund, die Harmonie der Farben – verleiht dem Bild und ihren Aussagen Seriosität und Glaubhaftigkeit. Vorlage für den gesprochenen Text, wie „Vermeide es, dich selbst mit anderen Künstlern zu vergleichen", sind Websites, die schöpferischen Menschen Hilfe bei der Selbstvermarktung anbieten. Diese Angebote und ihre Nutzung sind für Jusic signifikant für unsere heutige Gesellschaft, in der sogar das Kreative einem Marketingkonzept unterworfen wird. Trotzdem sind Strategien der Vermarktung auch für sie wichtig gewesen, und sie fragt sich: „Was sind die Aussichten für heutige Künstler?", „Wer oder präziser was ist der 'Künstler' in der heutigen Gesellschaft?" Die Künstlerin ist dabei als Doppelprojektion zu sehen, so dass sie abwechselnd zu Wort kommt. Sehr distanziert tritt sie dem Betrachter entgegen und agiert in ihrer unnahbaren Haltung ganz anders als Performerinnen früherer Generation, wie zum Beispiel Marina Abramović. Auch diese thematisierte 1975 die Vermarktungszwänge des Kunstbetriebs in einer Video-Performance, in der sie sich solange kämmte, bis ihre Haut blutete. Dabei wiederholte sie ständig die Worte "Art must be beautiful, artist must be beautiful".

Elisabeth Wynhoff

 

Jane Jin Kaisen & Guston Sondin-Kung [Videonale.13] x

The Woman, The Orphan and The Tiger, 2010, 76 min., Ton, Farbe [Videonale.13]

In Korea gibt es den Volksglauben, dass der Phosphordampf, der dort aus dem Boden aufsteigt, wo Menschen in Massengräbern verscharrt wurden, ein Zeichen ist von Trauer und Wut der Seelen, die nie ordentlich bestattet wurden. Die Geschichte der Geisterflammen wird zu einem der metaphorischen Stränge, die Jin Kaisen zusammenwebt, um über die traumatischen Ereignisse der südkoreanischen Geschichte zu sprechen, vor allem über diejenigen Gruppen von Frauen und Kindern, die Opfer der südkoreanischen Militäreinsätze im 20. Jahrhundert waren und zum Schweigen gebracht wurden. Durch dokumentarisches Material, Interviews und poetische Erzählungen präsentiert Kaisen die Geschichten von unterschiedlichen Frauen aus drei Generationen. Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges vom japanischen Militär zur Prostitution gezwungen wurden, Frauen, die seit 1950 bis heute für das US-amerikanische Militär sexuelle Dienste leisten mussten, und Frauen, die als kleine Kinder von Eltern aus westlichen Ländern adoptiert wurden. Ihre Lebensgeschichten stehen oft am Rande der großen historischen Erzählungen. Trotzdem scheinen ihre Traumata im allgemeinen Bewusstsein des Landes verankert zu sein, gleich den Geisterflammen, die die Nation heimsuchen. So setzt Kaisen das Medium Video für ein Ritual der Reinigung ein, das den Verstummten ihre Stimme zurückgibt und das soziale Befinden der südkoreanischen Gesellschaft stärkt. 

Olena Chervonic

 

Katarzyna Kozyra [Videonale.13] x

Summertale, 2008, 19:59 (2:47) min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Zu perfekt ist die Idylle: Ein Sommergarten, ein Landhaus, bewohnt von blond bezopften Zwerginnen in Folkloretracht, die sich der Haus- und Gartenarbeit widmen. Eines Nachts wachsen drei riesige Pilze, aus ihnen steigen ein Mann in rokokoartiger Kleidung, eine rothaarige Schöne in Highheels und ein geschlechtlich unbestimmtes Wesen im Overall. Die Gäste werden zuvorkommend behandelt, das Wesen in Mädchenkleider gesteckt. Die Gastfreundschaft schlägt in Unmut um, als die Zwerginnen den Mann singen hören und Unordnung in seinem Zimmer entdecken. Sie vergiften ihn, doch das Mädchen erweckt ihn wieder zum Leben. Argwöhnisch wird auch die Rothaarige beäugt, und als die Zwerginnen im Bad Urinspuren auf dem Boden und Rasierutensilien entdecken, sind sie sich der Weiblichkeit der stehend pinkelnden Schönen nicht mehr so sicher. Sie und der Mann werden gefangen und brutal zerhackt. Nun ist die Ordnung wieder hergestellt, doch das Mädchen ist traurig. Vom Balkon wirft es Samen, es wachsen Pilze und die Zwerginnen verschwinden. „Summertale“ ist das letzte Stück der 13-teiligen Serie „In Art Dreams come true“, in der die oben erwähnten ‚Fremden‘ in verschiedenen Kunstgenres wiederholt eingesetzt werden. Überhaupt sind Märchen, Kostümierung, Geschlechterwandel und damit Fragen der Identität und Stereotypisierung charakteristisch für Kozyras Arbeiten, auch wenn sie nicht immer in einer Tragödie enden.

Elisabeth Wynhoff

 

Erik Levine [Videonale.13] x

Cocker, 2010, 16:20, Ton, Farbe [Videonale.13]

Es sind Zeichen und Rituale der Männlichkeit, die Erik Levine in seinen Arbeiten zu verdichten sucht. Besonders explizit verkörpert findet er diese im Sport. Während er in früheren Arbeiten vorrangig den Habitus gängiger Mannschaftssportarten analysierte, widmet er sich in Cocker dem Sport des Hahnenkampfes. Levine führt uns ein in ein urtümliches maskulines Spiel um Leben und Tod, um Kraft, Stolz und Würde, gespielt von Männern, die ihre Kämpfer anfeuern, als ginge es um ihr eigenes Leben. Vielerorts verboten, wird der Hahnenkampf in einigen Ländern – wie in Puerto Rico, wo die Aufnahmen zu Cocker entstanden – weiter praktiziert und blickt auf eine lange Tradition zurück. Levine hat über viele Wochen verschiedene galleras, in denen die Hähne herangezogen werden, besucht. Dabei hat er nicht allein das Treiben um den Kampf selbst, sondern vielmehr die Männer, ihr Verhältnis zu ihren Tieren und die Rituale, die sich um deren Aufzucht und Vorbereitung auf die Kämpfe entfalten, festgehalten. Reduziert auf Bilder einzelner Gesten, zeichnet er eindrücklich die innige Beziehung zwischen Mann und Tier nach. Levines Bilder dokumentieren nicht und beziehen keine Position, sondern entwickeln zwischen Nähe und Distanz ihre ganz eigene Poetik, die nicht nur die Faszination, sondern am Ende auch das Befremden vermittelt, das uns beim Blick auf diese oft archaisch anmutende Welt überkommt.

Tasja Langenbach

 

Henrik Lund Jørgensen [Videonale.13] x

Friends he lost at sea, 2009, 5:36 (4:00) min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Die Anfangssequenz zeigt einen Mann in einem Museum. Er betrachtet nachdenklich Gemälde des dänischen Künstlers Michael Ancher, bekannt geworden für seine realistischen Porträts der Fischer vom Hafen Skagen. Plötzlich wechselt die Kamera von der Museumsszene zu der Darstellung der Gedankenwelt des Mannes. Als ob sie in seinem Gehirn implantiert wäre, zeigt die Kamera seine Vision zu zwei Gemälden Anchers, die gleichsam zum Leben erwachen. Wie ein Tableau vivant werden die Bildmotive von Wird er es um die Landspitze schaffen? (1879) und Mannschaft gerettet (1894) vorgeführt. In der Vision des Mannes tritt aber auch eine erstaunliche Differenz zu den Originalen hervor. Statt der heroischen dänischen Fischer stellt der Mann sich Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft vor, die gebannt auf das weite Meer starren oder nach einem Schiffbruch gerettet werden. Der innere Monolog des Mannes, vermittelt durch eine weibliche Erzählstimme, offenbart sein Trauma, am falschen Ort zu sein und seine Freunde zu vermissen. Der Austausch der dänischen Fischer durch eine bunt gemischte ethnische Gruppe lässt die Freunde, die der Mann auf See verloren hat, zu einer Metapher für Flüchtlinge werden, die aufgrund von Emigration verloren gegangen sind. So motiviert Jørgensens Video zum Nachdenken über die Problematik von Flucht und Überleben, über Freundschaft und deren Verlust durch Auswanderung.

Olena Chervonik

 

Melanie Manchot [Videonale.13] x

Celebration (Cyprus Street), 2010, 10:20 min [5 min-Auszug], Ton, Farbe [Videonale.13]

 

„Celebration (Cyprus Street)“ ist die Fortsetzung und zugleich der Höhepunkt einer Serie von Arbeiten, in denen sich Melanie Manchot mit den Zeugnissen historischer Gruppenporträtfotografie auseinandersetzt. Das Gruppenporträt diente in Malerei und Fotografie jahrhundertelang der Darstellung von gesellschaftlichen Beziehungsgeflechten, wobei das jeweils abgebildete urbane Umfeld entscheidend die Kontextualisierung des Gezeigten bestimmte. Dieses Prinzip greift Manchot in „Celebration“ auf. Während die Kamera fast beiläufig das bunte Treiben des Straßenfestes, das Manchot gemeinsam mit den Bewohnern organisiert hat, einfängt, hat der Betrachter Zeit, sich ein Bild von den Bewohnern der Straße zu machen. Die Häuser bleiben bei diesem Treiben Fassade und sind doch zugleich der über Jahrzehnte bestehende Hintergrund für diejenigen, die sich in und vor ihnen bewegen und der Straße ihre eigentliche Identität verleihen. Der Blick in den Mikrokosmos dieser Straße kulminiert schließlich in einem Gruppenporträt, für das sich die Bewohner nach und nach auf der Mitte der Straße versammeln, die Gesichter zur Kamera erhoben. So verharren sie einige Zeit in plötzlicher Ruhe und überlassen es der Kamera, sie – für diesen kurzen Moment des Porträts zum Kollektiv verbunden – als Dokument ihrer Zeit in ihrer Straße festzuhalten. 

 

Tasja Langenbach

 

Celebration (Cyprus Street) is commissioned by Film and Video Umbrella and funded by Film London (Digital Archive Film Fund) and Arts Council England.

 

Helena Öhmann McCardle [Videonale.13] x

I remember, 2009, 09:04 min., Ton, s/w [Videonale.13]

Sprache scheint wohl das ungeeignetste Medium zu sein, um unsere Vergangenheit wiederzugeben. Die Linearität und die kausale Logik der Erzählstruktur passen nur selten zu dem Chaos unserer Erinnerungen. Öhman McCardle erkundet die Möglichkeiten des Mediums Video, um sogenannte memoryscapes zu kreieren, die unsere Art der Wahrnehmung, Konstruktion und Aufbewahrung erlebter Momente in unseren Köpfen besser darzustellen vermögen.

Obwohl die Künstlerin in ihrer Arbeit I remember den Versuch unternimmt, über eine verdrängte Episode ihrer persönlichen Geschichte zu sprechen, deutet die Aneignung fremden Videomaterials die Existenz eines archetypischen Musters an, das uns alle verbindet. Hinter der Einzigartigkeit unserer Erfahrungen liegt eine universelle Sehnsucht nach Liebe und Akzeptanz, ebenso wie die Angst vor und das Verlangen nach Flucht – eine Dichotomie, die eine ständige Spannung zwischen der Notwendigkeit der Erinnerung und des Vergessens erzeugt. Die traumartigen Sequenzen von McCardles Arbeit mit ihren surreal gestalteten Übergängen werden unterbrochen durch Textzeilen, die nicht die Bilder erläutern, sondern zwischen ihnen unvermittelt auf schwarzem Hintergrund erscheinen. Auf diese Weise erhält Sprache die Funktion einer parallelen Realität, die vor Augen führt, wie unzureichend Worte zum Ausdruck bringen, was wir fühlen und woran wir uns erinnern.

Olena Chervonik

 

Anahita Razmi [Videonale.13] x

Walking drunk in high shoes, 2010, 47:22 (17:15) min., Farbe, Ton [Videonale.13]

Eine Kamera zeigt von einem niedrigen Blickwinkel aus das statische Bild des Unterkörpers einer Frau, die ein rotes Kleid, schwarze Strümpfe und schwarze Highheels trägt. Sie steht auf einer Theaterbühne vor einem Vorhang, im vorderen rechten Bildrand ist eine Wodkaflasche platziert. Die Frau beginnt auf den Betrachter zuzulaufen. Sie läuft in gerader Linie hin und zurück. Bei ihrem dritten Anlauf bleibt sie im Vordergrund stehen, trinkt einen Schluck Wodka und kehrt wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Das Auge der Kamera verwandelt sich in ein voyeuristisches Guckloch, beobachtet der Zuschauer doch die Frau dabei, wie sie immer betrunkener wird. Mehr und mehr verliert sie die Kontrolle über ihr Gleichgewicht, stürzt zu Boden, beginnt sich zu winden und zu zucken, enthüllt dabei ihren Oberkörper und das Gesicht. Irgendwann erkennt man, dass es die Künstlerin selbst ist, die in dieser Szene agiert. Paradoxerweise entschlüsselt der Betrachter die Identität der Schauspielerin erst, als ihre aufrechte Fassade unter der Wirkung ihrer Trunkenheit zu bröckeln beginnt – eine Anspielung darauf, dass wahre Subjektivität nur im Moment ihrer größten Verletzlichkeit erkannt werden kann. Razmis Arbeit nimmt Bezug auf Bruce Naumans Körper-Raum-Erkundung in seinem Video „Stamping in the studio“ wie auch auf Tracy Emins Monoprint „Walking drunk in high shoes“. 

Olena Chervonic

 

Reynold Reynolds [Videonale.13] x

Six Easy Pieces, 2010, 7 Min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Zeit ist ein kaum zu begreifendes Phänomen, das leise durch unsere Finger rinnt. Wir müssen unserer Existenz ein rhythmisches Raster überstülpen – das Ticken einer Uhr, der Beat der Musik, das Geräusch von Maschinen –, weil nur dieses Raster uns erlaubt, den Puls der Zeit zu fühlen. Für seine künstlerische Untersuchung der Zeit nutzt Reynolds Reynolds das Buch des berühmten Physikers Richard P. Feynman „Sechs Fingerübungen: Grundlagen der Physik erklärt von ihrem brillantesten Lehrer“ als wissenschaftliche Basis. Dabei stellt er die Metaphorik wissenschaftlicher Untersuchungen, verschiedene Messinstrumente und chemische Gerätschaften neben organische Dinge wie Fische, Blumen und den menschlichen Körper, deren Lebenspanne, trotz wissenschaftlicher Errungenschaften, zeitlich begrenzt ist. Sein Video ist voller Bilder mit traditionellen Memento-mori-Symbolen: Spiegel, die die vergängliche Natur der Schönheit andeuten, Bücher, die für die Eitelkeit des Wissens stehen, und ein Roulette, das uns an die unvorhersehbare Natur von Leben und Tod erinnert. Reynolds, selbst früher Physiker, kombiniert diese Metaphorik von Verwandlung und Verfall, um den Betrachter zum Nachdenken über die Zeit anzuregen. Außerdem zeigt er, dass Künstler und Physiker oft Komplizen sind in ihrer Art, die Welt zu deuten.

Olena Chervonik

 

Mireia c. Saladrigues [Videonale.13] x

Projecte E/F, 2008, 14:20 min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Was bedeutet Provinzialismus in der Kunst: sich mit lokalen Problemen auseinanderzusetzen oder ein schlechter Künstler zu sein? Ist Kunst ein kollektives oder ein persönliches Unterfangen? Bedeutet die Institutionalisierung der Kunstpraxis eine bessere Unterstützung für Künstler oder schränkt es sie in ihrer Ausdrucksfreiheit ein? In ihrer inszenierten Konversation mit drei jungen spanischen Menschen, die zusammen in einem Atelier frühstücken, wirft Mireia Saladrigues viele Fragen auf, die sich mit der Praxis und der Funktion von Kunst beschäftigen. Die Diskussionspartner zitieren aus Saladrigues gesammeltem Interviewmaterial, das aus dreißig Gesprächen mit unterschiedlichen Leuten der spanischen Kunstszene entstanden ist: mit Künstlern, Kuratoren, Kritikern und Angestellten verschiedener kultureller Institutionen. Für die Herstellung ihrer Videoarbeit benutzt Saladriguez eine soziologische Methode des Sammelns und Analysierens von Informationen und kommentiert dadurch die Art des zeitgenössischen Kunstdiskurses, der zu einer weitschweifigen Angelegenheit geworden ist. Der Künstler lebt eben nicht länger abgehoben in seinem Elfenbeinturm, sondern hat sich in einen gesellschaftlich umtriebigen Agenten verwandelt, der die Bedeutung von Kunst im Prozess des Networking generiert.

Olena Chervonik

 

Georg Tiller [Videonale.13] x

Vargtimmen – After a Scene by Ingmar Bergmann, 2010, 6:20 (1:00) min., Ton, s/w [Videonale.13]

Courtesy Sixpackfilm 

Aufnahme für Aufnahme rekonstruierten Georg Tiller und sein Kameramann Claudio Pfeiffer die dramatische Szene des Kindermordes aus Ingmar Bergmans „Vargtimmen“ (dt. Titel „Die Stunde des Wolfes“) von 1968. In Schwarz-Weiß-Bildern sieht der Betrachter das Meer und seine scharfkantigen Klippen, den Horizont und die leicht gekräuselte Oberfläche des tiefen Wassers. In Bewegung und Einstellung zitiert die Kamera exakt die berühmte Vorlage – mit dem wesentlichen Unterschied, dass keine Schauspieler zu sehen sind. Untermalt werden die Aufnahmen mit dem Originalsoundtrack von Lars Johan Werle. Die Arbeit gibt den Blick frei auf die reine Projektionsfläche des Films, seine stilistischen Mittel des Film Noir und auf das Moment der Rezeption. Aufgrund der Kamerabewegung und Musik entsteht eine gewisse Erzählstruktur, zugleich öffnet sich aber der Bedeutungsraum gerade durch die Abwesenheit von Schauspielern und Sprache. Durch die Rekonstruktion werden Stilmittel, Darstellung und Kontext des Betrachters, seine Beobachtung und Erfahrung, als gestaltende Elemente des Films repräsentiert und zugleich als neue Deutungsangebote präsentiert.

Lukas Harlan

 

Maria Tobola [Videonale.13] x

Self-portrait with mother, 2009, 1:52 min., ohne Ton, Farbe [Videonale.13]

Eine frontale Standaufnahme eröffnet die Szene: das Bild zweier gut gekleideter Damen in einer zarten Umarmung. Ihre Ähnlichkeit, aber auch der Titel des Videos legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um Mutter und Tochter handelt. Perfekt abgerundet wird das Bild durch die Requisiten bürgerlichen Wohlstands. So erzeugt der florale Sofabezug zusammen mit dem flackernden Kaminfeuer das Gefühl von Sicherheit und Behaglichkeit im Landhaus einer Familie. Der Betrachter wird durch die stereotype Darstellung des Familienglücks in Ruhe gewogen, bis die beiden Frauen beginnen, sich zu küssen. Ihr langer sinnlicher Mundkontakt überschreitet das übliche Maß einer Eltern-Kind-Beziehung. Plötzlich wird der Betrachter vom perfekten Bild in das Reich inzestuöser Tabus geschleudert. Wo liegt die Grenze zwischen „gesunder“ familiärer Zuneigung und sexuellem Missbrauch? Fast jede Kultur betrachtet die sexuelle Beziehung zwischen Blutsverwandten als soziales Tabu und juristische Straftat. Trotzdem variiert der Grad der Nähe: In einigen Kulturen teilen Eltern das Bett mit ihren Kindern, in anderen haben Eltern eine größere emotionale und körperliche Distanz zu ihren Kindern. Maria Tobolas Video fordert dazu auf, sich mit den Grenzen zulässiger elterlicher Liebe auseinanderzusetzen und sich zu fragen, ob es möglich ist, jemanden mit zu viel Liebe zu verletzen. 

Olena Chervonik

 

Adam Vackar [Videonale.13] x

Improvement, 2009, 5 min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Eine lange Menschenschlange steht wartend in einem großen Lagerhaus, das scheinbar als Location für eine Casting-Veranstaltung dient. Die Videosequenzen wechseln zwischen Panoramaaufnahmen vom Inneren des Lagerhauses, das gefüllt ist mit der typischen Ausrüstung eines Backstage-Bereiches beim Film, wie Scheinwerfern, Schminktischen und Kameraequipment, und den Close-ups von Personen, vermutlich den Schauspielern. Sie durchlaufen Phasen einer Metamorphose, indem sie mit Make-up, neuen Frisuren und Kostümen ausgestattet werden, die sie in andere Charaktere verwandeln sollen. Aber welche Rollen sollen sie spielen? Die Menschen in dem Video sehen nicht aus wie professionelle Schauspieler, und auch nach ihrer Kostümierung entsprechen sie nicht stimmig der Aufmachung von Filmcharakteren. Adam Vackar bedient sich zwar des konventionellen Filmvokabulars eines Making-ofs, bringt jedoch eine Anzahl obdachloser Menschen zusammen, die sich diesem Verwandlungsprozess unterziehen, um wie „normale“ Menschen auszusehen. Nachdem ihre Runderneuerung abgeschlossen ist, werden Vackars Akteure bewegungslos im Licht der Scheinwerfer in Szene gesetzt. Im Vergleich zu ihrem vorherigen Aussehen wirkt ihr neues, „normales“ Erscheinungsbild aber viel geschmack- und fantasieloser. Haben sich die Menschen durch dieses Prozedere wirklich verbessert? Wer besitzt die Macht, die Hierarchie des Geschmacks zu bestimmen, und wer entscheidet über ästhetische Norm und ihre Abweichung?

Olena Chervonik

 

Claudia Waldner [Videonale.13] x

Fliegenschwimmen, 2009, 6:18 min., Ton, Farbe [Installationsdokumentation] [Videonale.13]

„fliegenschwimmen“, der Titel dieser Videoinstallation von Claudia Waldner, spielt auf den Wunsch an, fliegen zu wollen, dies aber unter Wasser nicht zu können – ein Gefühl von Freiheit, die jedoch eingeschränkt ist. Dabei wagt „fliegenschwimmen“ einen Schritt über die unausgesprochene Grenze des Videokunstformats hinaus. Die medial komplexe und aufwendige Installation mit 24 Monitoren sprengt den gängigen Ausstellungsmodus von Video- und Kinoprojektionen. Alte Röhrenmonitore begegnen dem Computerzeitalter mit digitaler Einspeisung und hochauflösendem Bildmaterial. Das Spiel mit Gegensätzlichkeiten wiederholt sich auch inhaltlich durch die Konfrontation mit unterschiedlichen Emotionen. Wasser, gelebte Gefühle und das Flimmern der Monitore bestimmen die poetische Bildsprache von „fliegenschwimmen“. In facettenreichen Graustufen kommt ein dramatisches, emotionales Schwarz-Weiß-Empfinden zum Ausdruck. Das zentrale Motiv der Videoinstallation ist in enger Zusammenarbeit mit dem Kinofilm „Der böse Onkel“ von Urs Odermatt entstanden. Es geht um das Erwachsenwerden, emotionale Loslösung und die damit verbundenen Konflikte einer Mutter-Tochter-Beziehung. Der besondere Sprachstil von Odermatt wird mit den visuellen Bildwelten der Medienkünstlerin Claudia Waldner zu einem morbid-poetischen Weltbild verwoben.

Sara Izzo / Michael Hunziker

Video-Credits:

Text: © Urs Odermatt. Aus dem Drehbuch zum Spielfilm DER BÖSE ONKEL, www.urs-odermatt.ch 

 

Rachel Perry Welty [Videonale.13] x

Karaoke Wrong Number, 2010, 5:52 min., Ton, Farbe [Videonale.13]

Gleich der Szenerie eines Verbrecherfotos sitzt eine Frau in einem weißen T-Shirt, unfrisiert und ohne Make-up, vor einer nackten blauen Wand. Sie konfrontiert den Betrachter mit einem strengen, unpersönlichen Blick. Die unheimliche Starre ihres Körpers wird plötzlich durch das Klicken eines Anrufbeantworters beendet. Durch eine genaue Synchronisierung ihrer Mimik, die auch den Atempausen folgt, spielt die Frau neun abgespeicherte Stimmen von Anrufern nach, die sich entschuldigen, Essen bestellen, ein Fax senden wollen oder Rechnungsinformationen verlangen. Aber wie synchron die Frau ihre Lippen auch zu den Mitteilungen bewegen mag, der Betrachter wird sofort auf die Inkongruenz aufmerksam. Denn die meist männlichen Stimmen können einfach nicht zu der Frau gehören. Die künstliche Synchronisierung von Stimme und Körper enthüllt die tiefliegende Kluft zwischen Persönlichkeit und Erscheinung. Der Betrachter ist aufgefordert, sich über die Identität der Frau Gedanken zu machen. Sie könnte ein spirituelles Medium sein von Geistern Verstorbener oder einfach nur ein komplexer Automat ohne eigene Intelligenz. Die Künstlerin Rachel Perry Welty verkörpert selbst die neun Charaktere der Stimmen, die auf falsch eingegangenen Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter beruhen, und kommentiert so spielerisch das Problem der Identitätskonstruktion.

Olena Chervonik

Videonale.13 (15. April – 29. Mai 2011 im Kunstmuseum Bonn)

1760 Einreichungen (aus 76 Ländern)

48 ausgewählte Werke

Kurator: Georg Elben

Der Videonale Preis wurde vergeben an Nate Harrison („Aura Dies Hard [Or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Copy]”).

Mehr Information unter: v13.videonale.org