Identität & Selbstinszenierung

Wann immer ein Künstler sich und seinen Körper ins Bild bringt, aufnimmt, projiziert, wird dieser Schauplatz einer Verhandlung seines Selbst. Der Körper vor der Kamera, der seine Position als Auslöser des Aufnahmeprozesses verlässt, ist gleichzeitig persönlich und universell, gleichzeitig eine Referenz auf den lebendigen, „realen“ Körper des Künstlers und auf sein inszeniertes Abbild. Er ist in unbestimmbares Subjekts, dass zum Einen Teil seines Schöpfers ist und zum Anderen  autonom für sich existiert[1].

Während in der Performance-Kunst diese Teilung zwar auch zu finden ist, jedoch zeitlich und räumlich vereint wird, schafft das Video, im Besonderen das Dispositiv des Screens in dem es präsentiert wird, einen Schnitt. Der Bildschirm und die Projektion sind  die Rahmungen, innerhalb derer Identität verhandelt wird. Der zeitlich-räumliche Schnitt macht es erst möglich sich dort dem eigenen Selbst zu stellen. Oft ist sind Gesicht und Hände, Stimme und Atem, die als (Selbst)Portät auf den Körper als Ganzes verweisen.

Identität tritt besonders dort zu Tage, wo Veränderungen vorgenommen werden.  Modifizierungen im Video-Material heben die Bilder von der bloßen Selbst-Darstellung zu einer Selbst-Inszenierung[2]. Yvonne Spielmann verweist in diesem Zusammenhang auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan, der diese Verschiebung in Referenz auf den Narzissmythos als eine mediale Ausweitung oder Amputation durch Reizüberflutung beschreibt[3]. Die künstlerische Identität flutet die Oberflächen der Fernsehapparate und Screens und ist nicht mehr nur als Körperabbild des Künstlers erkennbar, sondern schafft ein Gegenüber für jeden Betrachter, der Teil des Betrachtungsprozesses wird und so letztlich auch sich selbst reflektiert sieht.

Die wissenschaftliche Literatur verweist in diesen Zusammenhängen immer wieder auf prägende Videokünstler wie Vito Acconci, Bruce Naumann, Anna Winteler; die Künstlerinnen Ulrike Rosenbach, Joan Jonas und VALIE EXPORT sind wichtige Vertreter der Verhandlung Identität und Weiblichkeit bzw. Geschlecht.

Kristina Lutscher

Vgl. Oswald, Anjy: Sexy Lies in Videotapes – Künstlerische Selbstinszenierung im Video um 1970. Gebr. Mann Verlag Berlin, 2003, S.204;2007. / Vgl. Meyer-Stoll, Christina: „Wer ist man, wo endet man, und wo beginnt der andere?“ In: Das innere Befinden. Das Bild des Menschen in der Videokunst der 90er Jahre. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Lichtenstein 2001, S. 7- 17.

Vgl. Schubiger, Irene: Selbstdarstellung in der Videokunst. Zwischen Performance und „Self-Editing“. Dietrich Reimer Verlag GmbH 2004.

Spielmann, Yvonne: Video – das reflexive Medium. Suhrkamp Frankfurt am Main 2005, S. 230 – 232. Narziss, der in einem Teich sein Spiegelbild erblickt, verliebt sich nach  McLuhan zwar in ein Abbild seines Selbst, jedoch damit nicht automatisch in sich selbst, da er sein Abbild (hier: analog zum Videobild) nicht mit sich gleich setzt. Es bleibt eine (notwendige) Ausweitung in ein anderes Medium. Neu zu lesen ist in diesem Kontext auch Lacans Spiegeltheorie, die schon von Chrstian Metz auf das Kino (und sein Dispositiv) angewendet wurde, aber eventuell auch hier Anwendung finden könnte. Vgl. Metz, Christian: Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Münster: Nodus 2000.

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