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Susanne Winterling [Videonale.9 & 12]

*1971 in Rehau/Oberfranken GER, lebt und arbeitet in Berlin GER

Studium an der HfBK Hamburg und der Kunsthochschule Braunschweig GER

 

Ausstellungen [Auswahl]:

2012 Made in Germany Zwei. Internationale Kunst in Deutschland, Sprengel Museum, Hannover GER
         Susanne M. Winterling, Kunstverein Salzburg AUT [S]
2011 Anfang gut. Alles gut, Kunsthaus Bregenz AUT
         Susanne M. Winterling, Fotogalleriet Oslo NOR [S]
2010 Through the looking glass, Badischer Kunstverein, Karlsruhe GER [S]
          ... dreaming is nursed in darkness, Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen GER [S]
2009 cargo, Autocenter, Berlin GER
         Little Theatre of Gestures, Kunstmuseum Basel / Museum für Gegenwartskunst, Basel SUI
         modern modern, Chelsea Art Museum, New York USA
2008 The Krautcho Club. In and Out of Place, Zabludowicz Collection, London
         5. berlin biennale 2008, Berlin GER
2007 Secret-Flix, NEUE ALTE BRÜCKE Frankfurt am Main GER
         INSERT 1: who, Kunstverein Hamburg GER 

http://www.susannewinterling.de

 

 

Susanne Winterling [Videonale.9] x

Looking for the Nice Ones, 2000, 2:00 min, loop [Videonale.9]

Katalogtext Videonale 9 als PDF

 

Susanne Winterling [Videonale.12] x

Inswansworld, 2006, 4:00, loop [Videonale.12]


Susanne Winterlings Video Looking for the nice ones hält eine kurze Szene fest: In einem Raum stehen mehrere junge Mädchen in blaugrauen, mit Borten und Abzeichen verzierten Uniformen. Sie tragen Notenhefte und Blasinstrumente bei sich. Vermutlich gehören sie zu einem Feuerwehrorchester. Sie werden umringt von ihren Eltern, die immer wieder die Sicht auf die Gruppe kurz verdecken. Dann richtet sich der Blick der Kamera auf eines der Mädchen. Unter dem Schiffchen auf seinem Kopf schauen die zum Zopf gebundenen blonden Haare heraus. Selbstversunken schaut es in die Runde, preßt seine Lippen zusammen und lächelt verlegen. Einen Augenblick lang schaut es einer vorbeigehenden Gestalt nach, dann bewegt es sich mit einem suchenden Blick durch die Menge. Vor ihm steht ein zwei Köpfe kleineres Mädchen. Es trägt ihr langes blondes Haar offen. Für einen kurzen Moment blickt es in Richtung der Kamera und verzieht schmollend den Mund.

In der Realität hat diese Szene nur wenige Sekunden gedauert. Susanne Winterling zeigt sie jedoch in Zeitlupe, so daß der kurze Augenblick unendlich gedehnt erscheint. Jede noch so beiläufige Bewegung und jede Nuance im Mienenspiel der Mädchen ist genau zu beobachten. Wie in einem Tagtraum spielt sich alles ganz langsam ab. Manche Sequenzen des Geschehens sind geloopt, sie wiederholen sich mit leichten Abstandsverschiebungen. Manchmal verschwimmen kurz die Farben durch eine Unschärfe des Bildes. Obwohl die Szene alltäglich ist, wirkt sie durch diese Verfremdungen entrückt und auf eine fast märchenhafte Weise verträumt. Durch die Veränderung der Wahrnehmung steigert Susanne Winterling die Faszinationskraft der Bilder und verwandelt die flüchtige Begebenheit in ein visuelles Ereignis.

Die kurze Szene ist zudem von Grund auf theatralisch. Der Moment, in dem sich die Kamera auf die Mädchen richtet, leitet ihren Auftritt ein. Auch wenn das eigentliche Konzert noch nicht begonnen hat, zeigen sie sich bereits dem Publikum. Inwiefern sie sich der Kamera bewußt sind, hat dabei keine Bedeutung. Sie wissen ohnehin, daß die Blicke der umstehenden MusikerInnen, Eltern und Freunde auf ihnen ruhen. Sie präsentieren sich diesen Blicken und beantworten sie zugleich mit eigenen, neugierigen Blicken. Dieses Spiel der Blicke ist das Spektakel, das Susanne Winterling durch die Zeitlupe der Beobachtung zugänglich macht. Unverkennbar sind die dabei die Züge eines sozialen Rollenspiels: In einer Art Initiationsritual betreten die Mädchen die gesellschaftliche Bühne und stehen zum ersten Mal im Lichte der Öffentlichkeit. Ihre Uniformen wirken dabei wie Kostüme, deren Silberknöpfe, Borten und Abzeichen als Blickfang dienen. Looking for the nice ones beschreibt also das Wechselspiel des Schauens und angeschaut Werdens als Form sozialer Interaktion und macht es zugleich als intensives visuelles Erlebnis erfahrbar.

Susanne Winterling