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Julia Scher [Videonale.16]

*1954, in Hollywood USA, lebt und arbeitet in Köln GER
Studium an der University of California in Los Angeles USA and an der University of Minnesota in Minneapolis USA

Ausstellungen [Auswahl]:

2016 WARNING : ALWAYS THERE Natalia Hug, Köln GER [S]
         CAMERA(AUTO)CONTROLE, Centre de la photographie, Genève SUI
2015 Surveillance of a Sharing Society, Apexart Curatorial Program New York USA
         Copy g_ods, DREI, Köln GER
2014 2041 Endlosschleife. Asstellung der Künstlermitglieder des Württemberischen Kunstvereins,
         Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Stuttgart GER
         Context 90’s, Centre Pompidou Metz FRA
        

 

Julia Scher [Videonale.16] x

lip syn, 2015, 03:47 Min., Farbe Ton [Videonale.16]

Die Geister, die ich rief...

Julia Schers Videoarbeit lip sync 2015 versucht, die widersprüchlichen Gefühle gegenüber dem Beobachtet-Werden im 21. Jahrhundert aufzuzeigen. Von der freiwilligen Selbstinszenierung vor der Kamera bis hin zum verzweifelten und vergeblichen Fluchtversuch zurück zu einer Privatsphäre, weg vom allsehenden Auge. Vor der Kulisse eines unscheinbar anmutenden Büroflures werden wir Zeug*innen einer gewollt dilettantischen Playback-Performance von Miley Cyrus’ »Wrecking Ball«. Strophen und Refrain dienen Scher dabei als Orientierungshilfe, als eine Art Rohbau, denn ihre Performance folgt einer anderen Dramaturgie. Damit steht die Arbeit in einer Reihe mit früheren, gleichnamigen Videoarbeiten der US-amerikanischen Künstlerin. Jedoch beginnt erstmalig in dieser Arbeit ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kamera und Protagonistin. Die Home-Movie-Ästhetik verleiht ihrem Auftritt etwas Intimes, doch die Omnipräsenz des Beobachters, verkörpert durch die filmende Person, durchbricht diesen privaten Kontext. Nur flüchtig und schemenhaft ist sie zu erkennen und steht damit stellvertretend für das anonyme Publikum, dem sich die Künstlerin aussetzt. Gleichzeitig reißt die LED-beleuchtete Alltagswelt eines Bürogebäudes die Performance aus der Geborgenheit einer vertrauten Umgebung, nach der sie eigentlich verlangt. Die scheinbar unauffällige Frau, die zunächst enthusiastisch Lippen und Körper zur Musik bewegt, flüchtet bald vor der Kamera. Kaum noch traut sie sich, ihrem Verfolger den Rücken zuzukehren. Stück für Stück verliert die Protagonistin ihre Naivität, wird misstrauisch gegenüber dem Apparat, dem sie sich zuvor so zwanglos ausgeliefert hat. Ein Appell daran, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass die Bedrohung hinter der Kamera zuweilen harmloser erscheint als sie ist.

Marie Hunanyan

Julia Scher [ Videonale.16 ]