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Lucy Pawlak [Videonale.16]

*1980, in London GBR, lebt und arbeitet in London GBR und Mexico City MEX
Studium an der Polish National Film, Television and Theatre School in Lodz POL und am Royal College of Arts in London GER

Ausstellungen [Auswahl]:

2016 Lost Beat Officer, Whitstable Biennal, Whitstable GBR
          PARALLEL: ICO ART + CINEMA WEEKEND, Arnolfini, Bristol GBR
          Berlinale Forum, Berlin International Film Festival GER

2015 My Morning Routine, Performance, Hello Magazine, London GBR

2013 Arriving Without Leaving (guaranteed happy ending), live streaming event in collaboration with Art
         Metroploe, Toronto CAN, Fogo Island Arts CAN, The Institute of Immaterialism CAN 

 

Lucy Pawlak [Videonale.16 / 1] x

We Eat the Earth / The World Eats Us, 2016, 16:31 (Ausschnitt 03:04) Min., Farbe, Ton [Videonale.16]

Ein Hund hechelt, ein Ticken im Hintergrund, ein Mann hockt in einer Baugrube, die Umgebung ist trocken und steinig. Aus dem Off ertönt eine Stimme. Der Mann richtet sich auf, er bewegt sich roh und wild. Es ist ein Tanz, der synchron mit einem Erzähler, eine Geschichte formt. Es werden insgesamt sechs unterschiedliche Charaktere vorgestellt, deren Leben zwar miteinander verknüpft, aber doch nur an der Oberfläche miteinander verbunden sind: Ein Stripper wird von einem Schriftsteller verehrt, der sich mit unzähligen Sexabenteuern, die er im Internet findet, aus seiner Ehe flüchtet. Seine Frau reflektiert aus einer mental abgekapselten Distanz heraus über die Untreue ihres Mannes. Auch die anderen drei Charaktere scheinen sich mit anonymen und virtuellen erotischen Fantasien oder wirren Realitätsfluchten zu begnügen.

Ihre Geschichten erzählen von triebgesteuerten Individuen, die hier tragisch-komisch inszeniert sind und eine unbewusste Angst verkörpern: die Angst vor der Leere, die durch flüchtige aber intensive Kontakte und abgehobene Traumwelten vorübergehend gelindert wird. Das schnelle Füttern eines hungrigen Egos in einer Welt, die einer Baugrube gleicht – roh und brach. Sie erzählen von Fantasien, Obsessionen und unverbindlichem Sex, der gänzlich vereinnahmt, doch jeglicher Intimität entbehrt. Ist dies eine Konsequenz unserer schnelllebigen, digitalisierten Zeit? Kennen wir einander noch wirklich?

Lucy Pawlaks Werk zeigt verschiedene Techniken der Kommunikation, die leicht zugänglich sind, aber echte Zwischenmenschlichkeit nicht zulassen. Eine Flucht aus dem Hier und Jetzt. Eine Berührung die doch nur ein oberflächliches Streifen bleibt und nur dazu dient, eine selbstbezogene Gefühlswelt zu erfüllen, welche lediglich aus vielen, kurzen Befriedigungsmomenten besteht.

Sandra Reinhardt

 

Lucy Pawlak [Videonale.16 / 2] x

Arriving Without Leaving (Guaranteed Happy Ending), 2013, 10:11 Min., Farbe, Ton [Videonale.16 special project]

Mit Hilfe von ruckelnden Videoaufnahmen, die an die virtuelle Realität eines Ego-Shooter-Videospiels erinnern, inszeniert Lucy Pawlak in Arriving without Leaving (Guaranteed Happy Ending) einen Raum zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Verbindung zwischen den Zuschauenden und dem virtuellen Protagonisten wird hergestellt, indem die Kamera dem Blick des Avatars folgt, dessen übergroße Pappmaché-Hände sich nah am unteren Bildrand befinden. Eine mechanische Stimme erklärt die Spielregeln, erteilt Anweisungen und lässt Wahlmöglichkeiten im zwischenzeitlich auf dem Bildschirm eingeblendeten Spielmenü. Die Anweisung, reale Gegenstände beim Betrachten zu gebrauchen, ermöglicht es den Zuschauenden, analog zur Filmgeschichte passende Sinneseindrücke zu erleben. Jedoch wird die Fassade einer vollständigen Verschmelzung der Realität mit der Videospielrealität immer wieder bewusst aufgebrochen. Durch die vom Video verlangte Interaktion, der wir nicht nachkommen können, verweist das Medium auf seine Fiktion. »Why can’t you reach?«, fragt die Frau, mit der wir interagieren, uns, nachdem wir nicht nach einem Seil greifen können. »Let’s have a cocktail«, fordert sie uns auf und lässt das Glas fallen. Spätestens als unser Gegenüber bei einem Kampf ohne sichtbaren Gegner einen Arm verliert, stellt sich die Frage nach Fremdsteuerung oder Eigenleben. Im für Eingabebefehle von Computerspielen typischen Sprachduktus kommentiert sie emotionslos »Step back! Roll! Hit! It was another game«, und hält ihren Armstumpf in die Kamera. Die Demontage der virtuellen Welt kulminiert schließlich darin, dass unsere Hände abgerissen und verbrannt werden. »What are you made of?« – so direkt angesprochen und der Appell »Run« lassen uns wieder in die Realität zurückstolpern und die Struktur unseres Spiels ›Leben ohne Garantie auf Happy End‹ neu hinterfragen.

Annika Artmann

Lucy Pawlak [ Videonale.16 ]