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Alex Gerbaulet

* 1977 in Salzgitter, GER
Studium an der Technischen Universität Braunschweig, GER, Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, GER, und der Universität Wien, AUT

www.alexgerbaulet.de

 

Alex Gerbaulet x

SCHICHT, 2015, 28:30 Min. [Ausschnitt 07:26 Min.], Farbe & s/w, Ton [VIDEONALE.16]

SCHICHT ist eine dokumentarische Collage. Bild um Bild fügen sich die Skizzen dreier Geschichten zusammen, die untrennbar miteinander verwoben scheinen: die Geschichte Deutschlands, die Geschichte des Bergwerks rund um Schacht Konrad in Salzgitter und die Geschichte der Familie Gerbaulet. Der Film schlägt einen Bogen vom Startschuss des Kohleabbaus in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zur Atommüllendlagerung im stillgelegten Schacht Konrad in der Gegenwart; er geht den Spuren und Überresten der Geschichte nach, die sich in Form von Architektur, Fotografien, Tagebucheinträgen und Fotos überall in der Stadt abgelagert haben. Regisseurin Alex Gerbaulet präsentiert einen dicht gewebten Teppich aus Erinnerungen. Im Rückblick verschwimmen öffentliche und private Sphäre. Aufnahmen aus dem Bildfundus der Familie wechseln sich ab mit Archivaufnahmen; autobiographische Momente vermischen sich mit Regionalgeschichte und Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis. Aus einer Kombination von Found Footage und eigenen Aufnahmen entwickelt Gerbaulet ein Mosaik, das anmutet wie eine Archäologie des Alltags der Nachkriegsgeneration. Bilder, die den Blick auf die Geschichte hinter der Idylle der akkuraten Vorgärten der Siedlungsbebauung der 1950er Jahre freigeben: die Montanindustrie, die das Material für den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und das Wirtschaftswachstum aus der Erde holte, die normierten Mustersiedlungen, die für die Arbeiter entstanden, die eigene Familie mitten im Wirtschaftswunder. Nicht chronologisch kreisen die Fragmente des öffentlichen und des privaten Erinnerns um den Untergrund der Stadt: hier höhlten die Hermann-Göring-Werke den Grund aus, hier wurden die KZ-Häftlinge im Abraum der Mine verscharrt, hier arbeitete der Vater unter Tage, hier ist die Mutter begraben und hier soll der Atommüll endgelagert werden. (Lisa Weber)

*Die vollständige Arbeit kann bei der Künstlerin und bei der pong film GmbH Berlin angefragt werden.

 

Mareike Bernien & Alex Gerbaulet x

Tiefenschärfe / Depth of Field, 2017, 14:30 Min., Farbe, Ton [VIDEONALE.17, zusammen mit Mareike Bernien]

Ein Tatort ist immer noch ein Ort. Nürnberg ist immer noch Nürnberg, auch wenn Nationalsozialismus und Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) dunkle Schatten auf die Stadt geworfen haben. In ihrer dokumentarischen Annäherung versuchen Bernien und Gerbaulet, die Vielschichtigkeit der Geschichte zu erfassen. Sie zeigen hierfür die Orte, die in Verbindung mit den drei Morden stehen, die der NSU zwischen 2000 und 2005 in Nürnberg verübte und weiten im Narrativ die Dimension auf den gesamten Komplex aus.
Während eine Erzählinstanz die Einzelschicksale umreißt, das Fehlverhalten der Behörden schildert, welche die Täter*innen im direkten Umfeld der Opfer vermuteten, sowie die daraus entstandene mediale Berichterstattung und die Stigmatisierung der Opfer als Kriminelle problematisiert, mischen sich deutsche und türkische Sprache mit bayrischem Dialekt. Neben die Alltagsbeschreibungen der Opfer treten Tiefpunkte der deutschen Geschichte in Nürnberg: »Nürnberg, Stadt der Reichsparteitage, Nürnberger Gesetze, Nürnberg unter Beschuss, Nürnberger Prozess«.
Das Künstlerduo entwickelt ein multiples Narrativ, das versucht, allen Dimensionen gerecht zu werden. Mediale, persönliche und nationale Geschichte überlagern sich ebenso wie die Stadtansichten, die sich teils unvermittelt, teils nur in den Spiegelungen undurchsichtiger Fenster abbilden. Tiefenschärfe bildet so auch visuell die Strukturen der Verbrechen nach, deren Komplexität sich aus der sprachlichen Erzählung in einer Zirkulation um die Orte erschließt. Nach und nach setzt sich aus den Schauplätzen eine Stadt zusammen, deren Häuserfassaden keine sichtbaren Spuren der Gewalttaten aufweisen, die sich hier ereigneten. Allein das Kippen des Bildrahmens visualisiert als zentrales gestalterisches Mittel die Störung der Normalität und das Wegbrechen des Alltags im Ausbruch der Gewalt.
Der künstlerische Dokumentarfilm ist die erste Kollaboration der beiden Künstlerinnen und adaptiert journalistische Methoden zur Hinterfragung von historischer Kohärenz und Kontinuität. (Jana Bernhardt)

Alex Gerbaulet